Was wäre, wenn der Staat nicht nur Gebäude, sondern auch Gemeinschaften sanieren würde?

Wenn in einem Dorf der letzte Laden schließt, verschwindet mehr als eine Einkaufsmöglichkeit. Es geht ein Treffpunkt verloren. Ältere Menschen werden abhängiger, Wege werden länger und spontane Begegnungen seltener. Das Dorf wird ein Stück weniger selbstständig.

Ausgehend von 2.075 politisch selbstständigen Gemeinden mit höchstens 500 Einwohnern nimmt die folgende Modellrechnung 90 Prozent – also 1.868 Orte – in den Blick. Was würde es kosten, in fast jedem dieser Orte einen genossenschaftlich getragenen Dorfladen einzurichten?

Die überraschende Antwort: vermutlich weniger als manche einzelne Großbaustelle des Bundes in Berlin.

Ein Laden, der mehr ist als ein Laden

Gemeint ist kein klassischer Supermarkt mit großen Verkaufsflächen, langen Personalzeiten und Tausenden Artikeln. Ein solches Modell wäre in Orten mit durchschnittlich nur rund 276 Einwohnern kaum wirtschaftlich.

Sinnvoll wäre ein kleiner, weitgehend automatisierter „DorfMarkt 500“:

Betrieben würde der Laden von Menschen aus dem Ort. Allerdings nicht zu Dumpinglöhnen: Reguläre Arbeit muss mindestens mit dem gesetzlichen Mindestlohn vergütet werden, der seit Januar 2026 bei 13,90 Euro pro Stunde liegt. Freiwillige Mitarbeit kann das Angebot ergänzen, aber keine regulären Arbeitsplätze ersetzen.

Organisatorisch müsste nicht jeder Ort eine eigene Genossenschaft mit eigener Buchhaltung, Prüfung und Warenbeschaffung aufbauen. Denkbar wären 16 Landes-Dachgenossenschaften. Einkauf, IT, Versicherung, Buchhaltung und Lieferverträge würden gemeinsam organisiert. Vor Ort gäbe es einen gewählten Mitgliederrat und bezahlte Beschäftigte aus der Gemeinde.

Was würde das kosten?

Eine Modellrechnung für einen Standort in einem vorhandenen kommunalen Gebäude sieht so aus:

PositionDurchschnitt je Standort
Standortprüfung und Bürgerbeteiligung8.000 Euro
Umbau, Elektrik und Barrierefreiheit60.000 Euro
Regale, Kühlung und Ladeneinrichtung75.000 Euro
Kasse, Zutrittssystem, Kameras und IT20.000 Euro
Erste Warenbestückung20.000 Euro
Schulung und Eröffnung7.000 Euro
Anlauf- und Betriebsmittelreserve35.000 Euro
Risikopuffer25.000 Euro
Gesamtkosten je Standort250.000 Euro

Für 1.868 Standorte wären das rund 467 Millionen Euro. Hinzu kämen etwa 140 Millionen Euro für gemeinsame IT, Projektteams der Länder, Lieferantenanbindung, Schulungen und Reserven. Das gesamte Programm hätte damit ein Volumen von ungefähr 607 Millionen Euro.

Diese Größenordnung ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Dorfladen-Leitfaden des Bayerischen Wirtschaftsministeriums nennt als Faustregeln etwa 1.000 Euro für die Ladeneinrichtung und 230 Euro für die erste Warenbestückung je Quadratmeter. Anbieter autonomer Nahversorger nennen für Läden in vorhandenen Immobilien Investitionen zwischen 200.000 und 400.000 Euro, während Neubauten eher 450.000 bis 550.000 Euro kosten.

Der Staat müsste nicht alles bezahlen

Genossenschaftsanteile, Förderdarlehen, Beiträge von Lieferanten und kommunale Gebäude könnten einen Teil der Finanzierung übernehmen.

Ein mögliches Modell:

Damit läge der unmittelbare Finanzierungsbedarf von Bund, Ländern und Kommunen bei rund 420 Millionen Euro. Das entspricht durchschnittlich etwa 225.000 Euro öffentlicher Anschubfinanzierung pro Ort.

Natürlich ist das keine amtliche Kostenprognose, sondern eine Modellrechnung. Manche Standorte wären günstiger, andere deutlich teurer. Bei vielen Neubauten könnte das Programm statt 607 Millionen auch eine Milliarde Euro kosten. Aber selbst dann stellt sich die Frage, welche Prioritäten wir als Gesellschaft setzen.

Was kostet uns ein Schloss?

Schloss Bellevue und das benachbarte Bundespräsidialamt müssen saniert werden. Das Dach ist undicht, die Technik veraltet und Teile des Brandschutzes funktionieren nur mit Ausnahmegenehmigungen. Eine Sanierung vollständig abzulehnen, wäre deshalb unseriös.

Doch die Dimension verdient eine Debatte.

Nach Angaben des Bundespräsidialamtes liegen die Bau- und Planungskosten derzeit bei 601 Millionen Euro. Hinzu kommen 71 Millionen Euro Vorsorge für Baupreissteigerungen und eine Risikoreserve von 188 Millionen Euro. Zusammen sind das bis zu 860 Millionen Euro. Das etwa 200 Millionen Euro teure Ausweichquartier eingerechnet, bewegt sich das Gesamtumfeld des Projekts in Richtung einer Milliarde Euro. Tagesschau zur Bellevue-Sanierung

Die öffentliche Anschubfinanzierung für 1.868 Dorfläden würde nach dieser Modellrechnung etwa 420 Millionen Euro betragen. Anders gesagt: Bereits die derzeit veranschlagten Bau- und Planungskosten für Bellevue wären deutlich höher als der öffentliche Startbeitrag für ein flächendeckendes Dorfladenprogramm.

Die Frage muss deshalb nicht lauten: Schloss Bellevue oder Dorfladen? Ein Staat braucht ein funktionierendes Bundespräsidialamt. Die Frage lautet vielmehr: Muss wirklich jede repräsentative, bauliche und technische Anforderung in der teuersten Variante verwirklicht werden? Könnten notwendiger Brandschutz, Sicherheit und Gebäudetechnik von aufschiebbaren oder repräsentativen Maßnahmen getrennt werden?

Schon eine Reduzierung des Grundbudgets um rund 15 Prozent entspräche etwa 90 Millionen Euro. Das wäre rechnerisch genug Anschubfinanzierung für rund 400 Dorfläden.

Und dann ist da noch das Kanzleramt

Für die Erweiterung des Bundeskanzleramtes werden derzeit 777 Millionen Euro veranschlagt. Geplant sind unter anderem rund 400 zusätzliche Büros, eine weitere Brücke über die Spree, ein Veranstaltungsbereich und eine erhöhte Hubschrauberlandeplattform. Bundeskanzleramt zum Erweiterungsbau

Der Bundesrechnungshof weist gleichzeitig darauf hin, dass im alten und neuen Kanzleramt zusammen 1.050 Arbeitsplätze für rund 940 Stellen entstehen sollen. Das wären etwa 110 Arbeitsplätze mehr als Stellen. Der Rechnungshof empfiehlt deshalb eine geringere Belegungsquote und moderne Modelle wie Desksharing. Bericht des Bundesrechnungshofs

Würde der Umfang des Projekts um nur zehn bis 15 Prozent reduziert, entspräche das rechnerisch 78 bis 117 Millionen Euro. Ob diese Summe tatsächlich eingespart werden könnte, müsste eine neue Planung zeigen. Aber genau eine solche Prüfung wäre angebracht.

Ein konkretes Sparpaket zur Diskussion

Wie könnten 420 Millionen Euro öffentlicher Anschubfinanzierung zusammenkommen? Zum Beispiel so:

Möglicher Verzicht oder UmbauDiskussionsbetrag
Bellevue: Beschränkung auf Sicherheit, Technik und Bestandserhalt100 Mio. Euro
Kanzleramt: weniger Fläche, Desksharing, Verzicht auf Teile der Erweiterung100 Mio. Euro
Zukunftszentrum für Deutsche Einheit: vorhandenes Gebäude statt Neubau200 Mio. Euro
Kürzung anderer zentraler Repräsentations- und Kommunikationsausgaben20 Mio. Euro
Gesamt420 Mio. Euro

Auch der geplante Neubau des „Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ wird nach Angaben des Bundesrechnungshofs auf rund 200 Millionen Euro geschätzt. Man kann die Aufgabe dieses Zentrums unterstützen und dennoch fragen, ob sie zwingend einen Neubau benötigt.

Dieses Rechenbeispiel behauptet nicht, dass alle genannten Beträge morgen frei verfügbar wären. Bauvorhaben laufen über mehrere Jahre, Verträge bestehen und Bund, Länder sowie Kommunen haben unterschiedliche Haushalte. Einsparungen lassen sich nicht einfach von einer Haushaltszeile in eine andere verschieben.

Aber Haushalte sind Ausdruck politischer Entscheidungen. Wer sagt, für eine flächendeckende Nahversorgung fehle das Geld, muss erklären, warum bei repräsentativen Großprojekten andere Maßstäbe gelten.

Dorfläden kosten auch nach der Eröffnung Geld

Zur Ehrlichkeit gehört: Nicht jeder Laden würde sich selbst tragen.

In sehr kleinen Orten dürfte trotz Automatisierung ein jährliches Defizit entstehen. Unter realistischen Annahmen wäre langfristig mit rund 20.000 bis 35.000 Euro je Standort zu rechnen. Für das gesamte Netz ergäbe sich einschließlich zentraler Infrastruktur ein jährlicher Zuschussbedarf von etwa 50 bis 75 Millionen Euro.

Auch dafür lohnt sich ein Vergleich. Im Bundeshaushalt 2026 sind laut Bundesrechnungshof 29,7 Millionen Euro für politische Informationsfahrten nach Berlin und Straßburg sowie 20,2 Millionen Euro für einen zentralen Kommunikationstitel des Bundespresseamtes vorgesehen. Zusammen sind das fast 50 Millionen Euro jährlich.

Niemand muss diese Programme vollständig abschaffen. Aber auch hier gilt: Schon Teilkürzungen könnten einen erheblichen Anteil der dauerhaften Dorfladenförderung finanzieren.

Was ist uns gesellschaftlicher Zusammenhalt wert?

Ein Dorfladen ist kein romantisches Sozialprojekt. Er ist Infrastruktur.

Er ermöglicht älteren Menschen ein selbstständigeres Leben. Er reduziert Einkaufsfahrten. Er schafft Arbeitsplätze im Ort. Er bietet regionalen Erzeugern einen Absatzmarkt. Und er schafft etwas, das sich in keiner Bilanz vollständig messen lässt: einen Raum, in dem Menschen einander begegnen.

Der Staat investiert Milliarden in Straßen, Verwaltungsgebäude und digitale Netze. Warum sollte er nicht auch in Orte investieren, an denen Gemeinschaft praktisch stattfindet?

Vielleicht müssen wir uns nicht zwischen einem funktionierenden Bundespräsidialamt und lebendigen Dörfern entscheiden. Aber wir sollten darüber diskutieren, ob bei jedem Großprojekt wirklich das maximal Denkbare gebaut werden muss, während für die Grundversorgung kleiner Gemeinden angeblich kein Geld vorhanden ist.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland sich 1.868 Dorfläden leisten kann.

Die Frage lautet: Was leisten wir uns stattdessen – und ist es uns wirklich wichtiger?